Sie arbeiten an der Schnittstelle zwischen Hochschule, Schule und Öffentlichkeit. Was reizt Sie persönlich an dieser Vermittlungsarbeit für Informatik?
Vor meiner jetzigen Tätigkeit habe ich 9 Jahre für das öffentliche Bildungsangebot der ETH Zürich gearbeitet, dem damaligen «Treffpunkt Science City» (heute «wow²»). Wissenschaftliche Inhalte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen hat mir schon damals grosse Freude bereitet. Insbesondere, wenn es um MINT-Angebote für Kinder und Jugendliche ging.
Heute schätze ich vor allem die Zusammenarbeit mit Schülerinnen und Schülern, Lehrpersonen sowie Forschenden. Jede dieser Gruppen bringt andere Fragen, Erwartungen und Bedürfnisse mit, und genau diese Vielfalt macht die Vermittlungsarbeit spannend. Ich entwickle gerne Formate, die Neugier wecken und Berührungsängste gegenüber der Informatik abbauen.
Besonders schön finde ich es, wenn uns Schulklassen im Rahmen von Projektwochen oder speziellen Technik- und Informatiktagen besuchen und wir den Jugendlichen zeigen dürfen, wie vielseitig, kreativ und gesellschaftlich relevant Informatik ist.
Als Projektleiterin des ETH-Programmangebots für die Informatiktage bleibt mir auch der direkte Kontakt zur breiten Bevölkerung erhalten, was ich sehr schätze. Ich erlebe immer wieder, wie aus spontaner Neugier echtes Interesse entsteht und Menschen einen neuen Zugang zur Informatik finden.
In Ihrer Arbeit begegnen Sie sehr unterschiedlichen Vorstellungen von Informatik. Wo sehen Sie die grössten Missverständnisse und warum halten sie sich Ihrer Erfahrung nach so hartnäckig?
Das öffentliche Bild der Informatik hat sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt. An der ETH Zürich gehört Informatik schon länger zu den beliebtesten Studiengängen mit sehr hohen Bewerbungszahlen, und seit dem Schuljahr 2022/23 ist Informatik an allen Schweizer Mittelschulen ein obligatorisches Fach. Dadurch kommen heute deutlich mehr junge Menschen überhaupt einmal strukturiert mit Informatik in Kontakt. Das war lange nicht selbstverständlich.
Eines der hartnäckigsten Missverständnisse bleibt jedoch die Gleichsetzung von Informatik und Programmieren. Dabei ist Informatik weit mehr als Programmieren, und Programmieren weit mehr als das Schreiben von Code. Dazu gehören das Verstehen eines Problems, das Entwickeln von Modellen und Algorithmen sowie das Testen, Überarbeiten und Weiterentwickeln von Lösungen. Informatik bedeutet letztlich, komplexe Fragestellungen so zu strukturieren, dass sie überhaupt bearbeitet werden können. Dass dies auch im Zeitalter von KI unverändert relevant bleibt, beschreibt unser Professor Peter Müller in seinem Beitrag «Warum soll man noch Informatik studieren, wenn KI sowieso besser programmieren kann?» sehr treffend.
Missverständnisse halten sich aus meiner Sicht vor allem dort, wo persönliche Erfahrungen und konkrete Einblicke fehlen. Wer Informatik nur über Schlagzeilen oder einen sehr engen Unterrichtsausschnitt kennenlernt, bleibt eher an Klischees hängen. Deshalb sind Begegnungen mit Studierenden, Forschenden und Fachpersonen so wichtig: Sie machen sichtbar, wie vielfältig Informatik heute tatsächlich ist.
Formate wie Informatiktage oder Schulbesuche sollen mehr sein als ein „Erlebnis für einen Tag“. Woran erkennen Sie, dass ein Anlass nachhaltig wirkt?
Wir können nicht bei jeder einzelnen Person nachverfolgen, was langfristig hängen bleibt. Aber im Kleinen sehen wir oft sehr konkret, was unsere Angebote auslösen, sei es in Gesprächen, in Workshops und im Feedback, das wir im Anschluss erhalten.
Ein besonders schönes Beispiel war ein Gespräch am CSNOW-Stand während der Informatiktage. CSNOW ist das Netzwerk für Frauen in der Informatik an der ETH Zürich, in dem sich Studentinnen und Forscherinnen engagieren. Nach dem Anlass schrieb uns eine Mutter: «Ein ganz grosses Dankeschön an Cara und Alessandra vom CSNOW-Stand. Für meine Tochter war das Gespräch nicht nur informativ – es war life changing!»
Nachhaltig wirken also solche Formate aus meiner Sicht dann, wenn sie Perspektiven verändern und Menschen ermutigen, sich weiter mit Informatik auseinanderzusetzen.
Informatik wird oft als abstrakt oder schwer zugänglich wahrgenommen. Was müsste sich in der Kommunikation über Informatik ändern, damit mehr junge Menschen einen echten Zugang finden?
Ich kann nur für uns und unsere Arbeit in der Nachwuchsförderung sprechen. Uns ist wichtig, transparent und nahbar zu kommunizieren. Wir wollen aufklären, nicht überreden. Unser Ziel ist, dass Informatik überhaupt als Option in Betracht gezogen wird und nicht von vornherein aufgrund von Nicht-Wissen ausgeschlossen wird.
Konkret heisst das: Wir ermutigen Jugendliche, sich gut zu informieren, und schaffen dafür möglichst viele Zugänge. An unseren Anlässen stehen Studierende, Forschende und Alumni als Gesprächspartner:innen zur Verfügung. Zudem zeigen wir die Vielfalt der Informatik und ihre Anwendung in ganz unterschiedlichen Bereichen – von Gesundheit und Medizin über Nachhaltigkeit, Klimaforschung und Mobilität bis hin zu Gaming oder Fashion Design. Wir sprechen die Anforderungen und Herausforderungen konkret an und bieten so Entscheidungshilfen. Entscheiden müssen die jungen Menschen aber selbst – und am Ende auch ihrem Bauchgefühl folgen.
Ein wichtiger Punkt ist dabei die Einordnung des Studiums: Informatik an der ETH ist ein stark grundlagenorientierter Studiengang mit viel Mathematik, insbesondere im Basisjahr. Wir erklären, warum das so ist, wie sich das im Studienalltag zeigt und welche Perspektiven sich daraus ergeben. Für manche passt genau das, andere merken, dass sie sich an einer anderen Hochschule oder in einer Informatiklehre wohler fühlen würden. In der Schweiz haben wir mit dem dualen Ausbildungssystem zum Glück viele Wege in die Informatik.
Welchen Mythos über Informatik oder Informatiker:innen sollten wir Ihrer Meinung nach endlich hinter uns lassen?
Ich glaube, wir sollten uns weniger darauf konzentrieren, einzelne Mythen zu widerlegen, und mehr darauf, die Realität sichtbar zu machen. Informatik ist heute vielfältig, interdisziplinär und eng mit gesellschaftlichen Fragen verbunden. Wer Informatik verstehen möchte, gewinnt deshalb mehr durch konkrete Einblicke in die Praxis als durch die Diskussion von Klischees.
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