Als Cyril Blum vor etwas mehr als drei Jahren den Beruf wechselte und Lehrperson für Informatik wurde, fiel ihm etwas auf: Viele Lehrpersonen verfassen eigene Skripte zu denselben Themen. Obwohl zahlreiche Lehrmittel verfügbar sind, investieren Schulen und einzelne Lehrpersonen viel Zeit in die Erstellung und Pflege eigener Unterrichtsmaterialien.
Auf den ersten Blick wirkt dies ineffizient. Warum sollte jede Lehrperson das Rad neu erfinden?
Mit der Zeit wurde ihm klar, dass es dafür gute Gründe gibt: Informatik entwickelt sich schnell, Lehrpersonen setzen unterschiedliche fachliche Schwerpunkte, und bestehende Lehrmittel passen oft nicht optimal zum eigenen Unterricht. Darüber hinaus enthalten selbst gut lektorierte Lehrmittel gelegentlich Fehler, Ungenauigkeiten oder didaktische Entscheidungen, die nicht für jede Unterrichtssituation ideal sind.
Werden solche Probleme entdeckt, können sie meist nicht zeitnah behoben werden. Stattdessen müssen Lehrpersonen mit den bestehenden Materialien arbeiten oder eigene Anpassungen vornehmen, bis irgendwann Jahre später eine neue Auflage erscheint.
In der Softwareentwicklung wäre ein solches Vorgehen heute kaum mehr vorstellbar: Fehler werden gemeldet, korrigiert und oft innerhalb weniger Stunden oder Tage in einer neuen Version veröffentlicht. Die Open-Source-Bewegung hat gezeigt, wie leistungsfähig kollaborative Entwicklungsprozesse sein können.
Dies brachte Thomas Graf und Cyril Blum vor gut zwei Jahren auf die Frage: Warum sollten Lehrmittel nicht ähnlich entwickelt werden?
„Yesss“ – das Programmieren mit dem Skript macht Spass und die Aufgaben können erfolgreich gelöst werden
Lehrmittelentwicklung nach dem Open-Source-Prinzip
Aus dieser Überlegung entstand ein gemeinsames GitHub-Repository für LaTeX-basierte Unterrichtsmaterialien. Von Anfang an war die Idee, die Plattform langfristig für weitere Lehrpersonen zu öffnen und Unterrichtsmaterialien gemeinschaftlich weiterzuentwickeln.
Anstatt dass jede Lehrperson dieselben Inhalte von Grund auf neu erstellt, können bestehende Materialien übernommen, angepasst und erweitert werden. Einzelne Kapitel oder ganze Skripte lassen sich unabhängig voneinander verwenden. Lehrpersonen können Inhalte übernehmen, verändern und ihre Anpassungen wiederum anderen zur Verfügung stellen.
Das Ziel ist kein einzelnes «perfektes» Lehrmittel, sondern eine gemeinsame Grundlage, die von vielen Lehrpersonen kontinuierlich verbessert werden kann. Statt das Rad immer wieder neu zu erfinden, entwickeln die Lehrpersonen diese gemeinsam weiter.
Bereits heute nutzen mehrere Lehrpersonen die Materialien im Original oder in angepasster Form für ihren eigenen Unterricht.
Wenn Rückmeldungen sofort Wirkung zeigen
Besonders deutlich wird der Mehrwert dieses Ansatzes im Unterricht. In klassischen Lehrmitteln bleiben Fehler oft über längere Zeit bestehen. In unserem Repository können Rückmeldungen hingegen direkt umgesetzt werden.
Entdeckt eine Schülerin oder ein Schüler einen Fehler oder eine Unklarheit, kann die entsprechende Stelle oft noch am selben Tag korrigiert werden. Die nächste Klasse arbeitet dann bereits mit der verbesserten Version.
Um diesen Prozess gezielt zu fördern, wurde ein Feedback-System in Moodle eingeführt. Schülerinnen und Schüler können Fehler melden, unklare Formulierungen identifizieren oder Verbesserungsvorschläge einreichen. Für konstruktive Beiträge erhalten sie Punkte, die sich am Ende des Semesters positiv auf die Zeugnisnote auswirken können.
Dadurch werden die Lernenden nicht nur Konsumenten von Unterrichtsmaterialien, sondern beteiligen sich aktiv an deren Qualitätssicherung. Gleichzeitig erleben sie einen Entwicklungsprozess, der denjenigen moderner Softwareprojekte erstaunlich nahekommt.
Die technische Infrastruktur
Damit ein solcher Ansatz funktioniert, braucht es eine geeignete technische Infrastruktur. Das Projekt wird auf GitHub verwaltet. Jede Änderung am Hauptzweig löst automatisch einen Build-Prozess aus:
Die betroffenen LaTeX-Dokumente werden auf einem Server neu kompiliert und als PDF veröffentlicht. Die aktualisierten Dateien stehen wenige Minuten später über feste Links zur Verfügung und können direkt in Moodle-Kursen oder anderen Lernplattformen eingebunden werden.
Jede Änderung an Teilen des Projekts führt automatisch zu einer neuen Version der betroffenen Unterlagen – ohne manuelle Verteilung, ohne Versionschaos und ohne zusätzlichen Aufwand für Lehrpersonen.
Ergänzt wird die Infrastruktur durch eine GitHub-Pages-Website, welche die verfügbaren Materialien dokumentiert, die Zusammenarbeit unterstützt und den Einstieg für neue Mitwirkende erleichtert.
Was gelernt wurde
Nach gut zwei Jahren Praxis lassen sich einige zentrale Erkenntnisse festhalten:
- Fehler werden deutlich schneller entdeckt und behoben
- Lehrpersonen können Materialien gezielt übernehmen und an ihre Bedürfnisse anpassen
- Die Qualität der Unterlagen steigt kontinuierlich durch Rückmeldungen aus dem Unterricht
- Änderungen bleiben durch Versionsverwaltung jederzeit nachvollziehbar
- Schülerinnen und Schüler tragen aktiv zur Verbesserung der Lernmaterialien bei
- Moderne Werkzeuge wie GitHub und automatisierte Build-Prozesse machen diese Arbeitsweise auch im schulischen Umfeld realistisch
Vor allem aber zeigt sich: Lehrmittel müssen keine statischen Produkte sein. Sie können als lebendige, dynamische Ressourcen verstanden werden – ähnlich wie erfolgreiche Open-Source-Software.
Ausblick
Aktuell wird das Projekt von Thomas Graf und Cyril Blum betreut. Die Materialien stehen jedoch allen interessierten Lehrpersonen zur Verfügung und können im eigenen Unterricht eingesetzt, angepasst und erweitert werden.
Langfristig stellt sich die Frage, ob die Informatik-Community Unterrichtsmaterialien künftig stärker gemeinschaftlich entwickeln könnte. Die technischen Möglichkeiten dafür existieren bereits.
Vielleicht ist es an der Zeit, bewährte Prinzipien der Open-Source-Welt konsequent auf Lehrmittel zu übertragen. Denn wenn wir unseren Schülerinnen und Schülern die Vorteile kollaborativer Entwicklung vermitteln, sollten wir auch bei unseren eigenen Unterrichtsmaterialien damit beginnen.
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