Kannst du uns kurz deinen Werdegang schildern?

Ich studiere Elektrotechnik und Informationstechnologie an der ETH Zürich und interessiere mich besonders für Energiesysteme und Regeltechnik. Schon früh war ich neugierig darauf zu verstehen, wie technische Lösungen in der Industrie umgesetzt werden und wie Elektrotechnik und Informatik dazu beitragen können, gesellschaftlichen Fortschritt und nachhaltige Entwicklungen voranzubringen.

In meiner Bachelorarbeit am Power Systems Laboratory der ETH Zürich, in Zusammenarbeit mit dem Übertragungsnetzbetreiber Swissgrid, habe ich ein physik- und datenbasiertes Modell zur flexibleren Steuerung von Stromnetzen entwickelt, das insbesondere im Kontext der Energiewende von grosser Relevanz ist.

Während meines anschliessenden Praktikums bei Swissgrid konnte ich diese Arbeit weiter vertiefen und an einer wissenschaftlichen Publikation mitwirken. Gleichzeitig erhielt ich spannende Einblicke in die Energiebranche sowie in aktuelle Herausforderungen rund um die Integration erneuerbarer Energien. Die Ergebnisse wurden veröffentlicht, und ich hatte die Möglichkeit, sie in den USA an einer Konferenz zu präsentieren und mich mit zahlreichen Forschenden über verschiedene Projekte auszutauschen.

Im Anschluss an das Praktikum ermöglichte mir ein halbjähriges Austauschsemester an der KTH in Stockholm einen wertvollen Perspektivenwechsel. Danach habe ich mein Masterstudium an der ETH Zürich weitergeführt und stehe nun kurz vor meiner Masterarbeit, die ich bei dem Industriepartner ABB durchführen werde.

Parallel zu meinem Studium engagiere ich mich mit grosser Begeisterung bei GirlsCodeToo für Informatikbildung von Mädchen. In den letzten drei Jahren habe ich zahlreiche Workshops geleitet und erlebt, wie viel Selbstvertrauen Mädchen entwickeln können, wenn sie erstmals programmieren und eigene technische Projekte umsetzen. Heute übernehme ich zusätzlich Verantwortung im Vorstand sowie als Präsidentin, um die Organisation strategisch weiterzuentwickeln und ihre Wirkung langfristig zu vergrössern.

 

Was ist deine persönliche Faszination für die Informatik?

An der Informatik fasziniert mich besonders, dass sie ein Feld ist, in dem klare Regeln und Kreativität zusammenkommen. Innerhalb dieser strukturierten Systeme gibt es erstaunlich viel Freiheit, eigene Ideen zu entwickeln und Lösungen für reale Probleme zu gestalten. Gleichzeitig entwickeln sich Technologien und Herausforderungen laufend weiter, weshalb man ständig Neues lernen und weiterdenken kann. Besonders motiviert mich, Informatik im Energiebereich einzusetzen und so zur Integration erneuerbarer Energien und zu nachhaltigeren Energiesystemen beizutragen.

 

Was war deine Motivation, dich für mehr Diversität in der IT‑Branche einzusetzen und beim Projekt GirlsCodeToo mitzuwirken?

In meiner Kindheit gab es in meinem Umfeld nur wenige weibliche Vorbilder in der Informatik oder im Ingenieurwesen. Entsprechend erforderte es für mich als junge Frau einiges an Mut, mich für ein Elektrotechnikstudium an der ETH zu entscheiden. Auch während meines Studiums war stets präsent, dass nur wenige Frauen diesen Weg wählen. Umso mehr freue ich mich heute, diese Entscheidung getroffen zu haben und Ingenieurin geworden zu sein.

Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, wie wichtig Sichtbarkeit und Vorbilder für die eigene Berufsentscheidung sind und wie stark viele Entscheidungen noch immer von unausgesprochenen Erwartungen und Vorurteilen geprägt werden. Deshalb ist es mir ein grosses Anliegen, dass Mädchen früh und spielerisch Zugang zu Informatik und Technik erhalten und ihre Zukunft selbstbewusst und gut informiert gestalten können.

Gerade bei den grossen Herausforderungen unserer Zeit – etwa der Energiewende oder der Digitalisierung – sind vielfältige Perspektiven entscheidend, um nachhaltige und verantwortungsvolle Lösungen zu entwickeln. Deshalb setze ich mich aktiv für mehr Diversität in der Technologiebranche ein.

Was ist das USP von GirlsCodeToo und worauf legt ihr besonderen Wert?

GirlsCodeToo setzt bewusst dort an, wo der grösste Hebel liegt: wenn Mädchen früh und unbeschwert Technologie entdecken können und gesellschaftliche Normen noch wenig Einfluss haben. In unseren Workshops legen wir den Fokus auf spielerische Kreativität, eigene Projekte und die Sichtbarkeit unserer Instruktorinnen als Vorbilder. So erleben Mädchen, dass Technologie ein Raum für sie ist.

Mit unseren vielfältigen Kursformaten schaffen wir frühe Erfolgserlebnisse, bieten einen geschützten Raum zum Ausprobieren und stärken gezielt das Selbstvertrauen der Mädchen. Gleichzeitig zeigen wir durch Begegnungen mit weiblichen Vorbildern, dass Technologie ein Bereich ist, der ihnen offensteht und in dem sie dazugehören.

 

Was können (Hoch‑)Schulen und Lehrpersonen konkret tun, um mehr Chancengleichheit im Informatikunterricht zu fördern?

Wichtig ist, Informatik möglichst früh zugänglich zu machen, unterschiedliche Zugänge zur Technologie aufzuzeigen und Vorbilder sichtbar zu machen. Auch Angebote wie Zukunftstage oder Besuchstage an Hochschulen, die sich gezielt an Mädchen oder junge Frauen richten, können sehr ermutigend wirken. Wir von GirlsCodeToo kommen natürlich auch gerne für einen Tech‑Workshop, einen Zukunftstag oder ein Camp vorbei.

 

Beobachtest du einen Wandel im Selbstverständnis junger Menschen, wenn es um Informatik geht?

Ja, durchaus. Informatik ist heute deutlich stärker in den Schulen verankert, sodass junge Menschen viel früher damit in Berührung kommen als noch zu meiner Schulzeit. Zudem wird Informatik zunehmend als Werkzeug verstanden, um vielfältige Herausforderungen zu lösen – etwa in den Bereichen Energie, Klima oder Gesundheit.

 

Was sind die nächsten Schritte oder Ziele für GirlsCodeToo?

Unser Ziel ist es, unsere Programme weiter auszubauen – mit mehr Workshops, mehr teilnehmenden Kindern und einem erweiterten Kursangebot. Gleichzeitig möchten wir noch mehr Schulen erreichen und unser Angebot für Familien weiterhin möglichst zugänglich und erschwinglich halten.

Ein besonderer Fokus der kommenden Jahre liegt auf der Ausweitung in ländliche Regionen, damit auch Mädchen ausserhalb der grossen Städte von unseren Kursen profitieren können. Parallel dazu arbeiten wir an der weiteren Professionalisierung unserer Organisation. Ein wichtiger Meilenstein war dabei die Schaffung unserer ersten festen Führungsstelle: Seit Februar leitet Emma als CEO die operative Arbeit von GirlsCodeToo.

 

Wie sieht für dich eine ideale Informatikbildung der Zukunft aus?

Idealerweise eröffnet Informatikbildung der Zukunft unterschiedliche Zugänge zur Technologie. Neben technischen Grundlagen sollten auch kreative Projekte, ethische Fragestellungen und gesellschaftliche Auswirkungen eine wichtige Rolle spielen. Ebenso entscheidend ist es, Diversität und verschiedene Perspektiven bewusst einzubeziehen, damit sich möglichst viele junge Menschen in diesem Bereich wiederfinden können.

 

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